Die Geschichte von KERN & SOHN
Von den Anfängen der Präzisionswaage bis heute
Die Wurzeln von KERN & SOHN reichen weit zurück: Sie liegen in den Entwicklungen des württembergischen Pfarrers und Ingenieurs Philipp Matthäus Hahn (*1739 – † 1790) sowie in der Handwerkskunst des Waagenbauers Jakob Sauter I (*1743 – † 1805), die den Grundstein für den Präzisionswaagenbau legten. Mit der Gründung von KERN & SOHN im Jahr 1844 begann die Geschichte eines Familienunternehmens, das sich über acht Generationen hinweg zu einem international tätigen Hersteller professioneller Wägetechnik und Messtechnik entwickelte und heute als Deutschlands ältester Präzisionswaagenhersteller gilt.
Der Fortbestand des Familienunternehmens war jedoch immer wieder mit großen Herausforderungen verbunden. Mehrfach stellten frühe Todesfälle innerhalb der Familie die Unternehmensnachfolge infrage. Umso bemerkenswerter ist die erfolgreiche Fortführung des Unternehmens über acht Generationen hinweg. Präzision, Qualität und technischer Fortschritt prägen KERN & SOHN seit seiner Gründung bis heute.
Entdecken Sie die wichtigsten Meilensteine aus über 180 Jahren Unternehmensgeschichte.

1767 – 1810
Die Anfänge des Waagenbaus
Alles unter einem Dach: Wohnen – Werkstatt – Landwirtschaft

Erste Zeigerwaage von Philipp Matthäus Hahn und Jakob Sauter I
Philipp Matthäus Hahn (*1739 – † 1790) war württembergischer Pfarrer, Ingenieur und Wegbereiter des Präzisionswaagenbaus. Mit seinen Konstruktionen legte er wichtige Grundlagen für die spätere Entwicklung der Waagentechnik in Württemberg. Beim Bau einer aufwendigen astronomischen Uhr in Onstmettingen arbeitete er eng mit dem Dorfschmied und Waagenbauer Jakob Sauter I zusammen. Sauter setzte Hahns Konstruktionen mit außergewöhnlichem handwerklichem Können um. Aus dieser Zusammenarbeit entstand vor rund 250 Jahren die Hahn'sche Zeigerwaage – eine technische Innovation, die das Gewicht direkt über einen Zeiger anzeigte. Sie steht am Beginn der Geschichte von KERN & SOHN.

Der Beginn der Geschichte einer Waagenbauer-Familie
Die erste Hahn’sche Waage war komplett aus Holz gefertigt, aber ihre Tragkraft von bis zu 20 Pfund war überschaubar. Die Waage musste aus Eisen gebaut werden, damit man 100 Pfund und mehr wiegen konnte. Nun schlug die Stunde unseres Dorfschmieds und Hahn-Mitarbeiters – Jakob Sauter I.
1769 war es so weit: Die Hahn’sche Waage aus Eisen war geboren, mit der man bis zu 200 Pfund wiegen konnte. Ein Grundstein der Wägetechnik – die Neigungswaage – war gelegt. Sie war von langer Dauer: Sie kennen sie sicher als die Neigungswaage mit Zeiger aus dem Tante-Emma-Laden.



Die nächste Generation der Familie Sauter
Zur gleichen Zeit wurde Jakob Sauter I Uhrmacher und Feinmechaniker und bildete drei seiner Söhne zu hervorragenden Technikern aus. Mit den Napoleonischen Kriegen verarmte Württemberg spürbar, und seine Söhne Jakob Sauter II und Johannes Sauter sahen sich zur Auswanderung gezwungen. Ihre herausragenden Leistungen in der Feinmechanik erbrachten sie in Schweden und Frankreich. Der Heimatstadt ging dadurch ein enormer Wissensschatz verloren. Nur ein Sohn, Simon Sauter, blieb seiner Heimatstadt Onstmettingen treu.

1820 – 1830
Das Wunder in den Bergen
Wohnhaus von Simon Sauter in Onstmettingen
Der Draufgänger – Der Mann mit den „feinen Waagbalken“
Nach 1812 neigte sich die schreckliche napoleonische Zeit langsam dem Ende zu, während sich Handel und Gewerbe in kleinen Schritten erholten. Simon Sauter übernahm die Werkstatt seines Vaters Jakob I. und wurde zum Wegbereiter eines neuen Geschäfts. Zunächst baute er eine aufwendige Uhr – die Drehbank eines Feinmechanikers von 1820 als Meisterstück –, die sein Können als vollendeter Uhrmacher und Feinmechaniker unter Beweis stellte. Um das Jahr 1820 war er schließlich so weit und bot über Großhändler und Handelsgesellschaften „feine Waagbalken“ an.



Der Beginn der Präzisionswaagenherstellung in Onstmettingen
Die Konstruktion der überaus präzisen Waage von Pfarrer Hahn aus dem Jahr 1774 wurde wieder aufgegriffen. Die Zeiten waren günstig, sodass sich Simon Sauter bald gemeinsam mit drei seiner Söhne ganz dem Präzisionswaagenbau widmen konnte. Das abgelegene Dorf Onstmettingen wurde zur Keimzelle einer Spezialisierung, die damals kaum vorstellbar war. Es grenzt nahezu an ein Wunder, dass in diesem Bergdorf, fernab von Universitäten und lange vor dem industriellen Bedarf, derart präzise Waagen gefertigt wurden.

1831 – 1843
Auf dem Weg zur Unabhängigkeit
Um das Jahr 1840: Erste Werkstatt von Jakob III. und Matthäus Sauter
Trotz guter Auftragslage – schwere Zeiten für die Familie Sauter
Das Geschäft mit den Präzisionswaagen florierte. Zwei von Simons Söhnen, Jakob III. (*1808 – † 1844) und Matthäus (*1818 – † 1846), übernahmen den Betrieb. Doch dann trafen schwere Schicksalsschläge die Familie: Beide starben kurz nacheinander und keiner von ihnen wurde 40 Jahre alt. Der Betrieb stand ohne Führung da, und eine Nachfolge innerhalb der Familie Sauter schien zunächst unmöglich. Die Schließung drohte – das Schicksal der Werkstatt hing am seidenen Faden.



Auguste Sauter und Gottlieb Kern – eine wegweisende Verbindung
Auguste Sauter, die Witwe des verstorbenen Mechanikers Matthäus Sauter, bat den Gemeinderat von Onstmettingen um Erlaubnis, die Trauerzeit vorzeitig zu beenden, um sich mit Gottlieb Kern verloben zu können.

1844 – 1869
Die Gründung von KERN & SOHN
1863: Gottlieb Kern (vorne sitzend) mit seinen Mechanikern


Die Gründung von KERN & SOHN durch Gottlieb Kern
Nun schlug die Stunde von Gottlieb Kern. Als Quereinsteiger trat er in die Sauter’sche Werkstatt ein, heiratete die Witwe von Matthäus Sauter und wurde dem gerade erst geborenen Albert Sauter ein fürsorglicher Stiefvater. Die Werkstatt wuchs: Mit neun Mitarbeitern galt Gottlieb Kern 1863 steuerlich bereits als württembergischer Großbetrieb. Die Serienfertigung von Präzisionswaagen begann, und der Markenname GOTTL. KERN & SOHN wurde im In- und Ausland bekannt.




1870 - 1901
Industrialisierung und die neue Generation
1885/86: Neues Geschäfts- und Wohnhaus

Albert Sauter tritt in das Unternehmen ein – die nächste Generation
Albert Sauter trat 1870 in das Unternehmen ein. Mit seinem Stiefvater Gottlieb Kern verstand er sich gut. Die Firmierung wurde in GOTTL. KERN & SOHN geändert – obwohl Albert eigentlich Kerns Stiefsohn war. Er trieb die Mechanisierung des Betriebs konsequent voran. Die Investitionen in neue Maschinen waren hoch und ließen Gottlieb Kern ausrufen: „Albert – du bringst mich noch unter den Hammer!“ Doch dazu kam es nicht: Mit 22 Mitarbeitern entwickelte sich KERN zu einem der größten Präzisionswaagenhersteller Deutschlands.
1871 brachte einen weiteren entscheidenden Wandel: Die alten württembergischen Gewichtseinheiten wie Lot und Pfund hatten ausgedient. Mit Gramm und Kilogramm erhielten die modernen metrischen Einheiten Gesetzeskraft. Eine Welle von Aufträgen erreichte das Unternehmen. Gottlieb Kern und Albert Sauter konnten die Nachfrage zunächst kaum bewältigen und nur etwa die Hälfte aller Bestellungen abarbeiten.





Neuer Firmensitz von KERN in Ebingen
1885 verlegte GOTTL. KERN & SOHN seinen Firmensitz von Onstmettingen in das neue Betriebsgebäude im benachbarten Ebingen (heute Albstadt-Ebingen). Ausschlaggebend für den Umzug war unter anderem der neue Eisenbahnanschluss in Ebingen. Nach dem Tod von Gottlieb Kern wurde Albert Sauter alleiniger Inhaber, da es in der Kern-Linie keine Nachkommen gab. Albert Sauter war nicht nur Unternehmer, sondern auch einer der aktivsten Bürger der Stadt Ebingen. Im Jahr 1902 wurde ihm vom württembergischen König der Titel „Kommerzienrat“ verliehen.

1902 - 1931
Wandel & Wachstum
Gustav Sauter im Radfahrerverein „Germania“ in Stuttgart, einem der ersten Radfahrervereine

Wachsender Wettbewerb in der Waagenindustrie
Mit der fortschreitenden Industrialisierung in Deutschland nahm auch der Wettbewerb in der Waagenindustrie stark zu. Neue Waagenfabriken entstanden in großer Zahl, und der Preisdruck unter den Herstellern wurde so hoch, dass selbst Kunden dazu mahnten, wieder stärker auf Qualität zu achten. Verzweifelt schrieb die Handelskammer Reutlingen im Jahr 1902: „Und so bleibt nichts anderes übrig, als daß ein Engel vom Himmel kommt und hilft.“ Makaber genug: Zu Hilfe kam kein Engel, sondern der Erste Weltkrieg.

KERN in Zeiten von Krieg, Inflation und gesellschaftlichem Wandel
Während des Ersten Weltkriegs entdeckte das Militär die Waagenindustrie für sich und bestellte Krankenhauswaagen, Pulverwaagen sowie schließlich auch Gewehr- und Zünderteile. Gustav Sauter führte das Unternehmen durch die Wirren des Ersten Weltkriegs und die darauffolgende Inflation. Um die Löhne seiner Mitarbeiter auszahlen zu können, ließ er sogar eigenes Notgeld auf Packpapier drucken.
Nach dem Krieg begann eine neue Ära: 1918 arbeiteten erstmals Frauen in den Waagenfabriken. Gleichzeitig entstand die Tarifpartnerschaft. Im Kampf um einheitliche Löhne kam es zu monatelangen Streiks und Aussperrungen. Mit der Einführung des Acht-Stunden-Tages reduzierte sich die Arbeitszeit schließlich auf 48 Stunden pro Woche.




1932 - 1959
Zwischen Fortschritt & Krieg
1944: Verwaltungs- und Wohngebäude nach dem Luftangriff


Paul und Walter Sauter – KERN in der Wirtschaftskrise und im Zweiten Weltkrieg
Mitten in der schweren Wirtschaftskrise der Weimarer Republik übernahmen Paul und Walter Sauter 1932 die Nachfolge ihres Vaters Gustav Sauter. Die wirtschaftliche Lage war schwierig: Der Umsatz von GOTTL. KERN & SOHN brach um 50 % ein. Nach 1933 wurden die wenigen Friedensjahre intensiv genutzt. Doch schon bald mussten die feinmechanischen Betriebe auf Kriegsgerät umstellen – ob sie wollten oder nicht.
1944 kamen Paul und Walter Sauter bei einem Luftangriff auf das Firmengelände ums Leben. Erneut hing das Schicksal von KERN & SOHN am seidenen Faden.

Else Sauter – Unternehmensfortführung und schwieriger Neuanfang
Nach dem Tod von Paul und Walter Sauter setzte ihre Schwester Else Sauter alles daran, den Betrieb fortzuführen und das Unternehmen für die Kinder von Walter Sauter zu erhalten. Dies gelang, doch die wirtschaftlich erfolgreiche Aufbauphase der 1950er-Jahre ging an GOTTL. KERN & SOHN weitgehend vorbei. Die Geschäfte waren rückläufig, und das Unternehmen lebte zunehmend von seiner Substanz – vom Wirtschaftswunder war bei KERN wenig zu spüren.
1954 versuchte GOTTL. KERN & SOHN mit einer für Dr. Oetker produzierten Diät- und Backwaage einen Neuanfang.




1960 - 2002
KERN ist wieder im Spiel
Um 1970: Fertigungsstraße für die Montage der Waage Modell 110

Martin Sauter – technischer Aufbruch im Zeitalter der Elektronik
Mit nur 22 Jahren übernahm Martin Sauter, Sohn des 1944 verstorbenen Walter Sauter, eine schwierige Aufgabe bei KERN. Das Produktionsprogramm war stark veraltet und musste grundlegend erneuert werden. Nach intensiven Aufbau- und Entwicklungsjahren war KERN bei mechanischen Waagen wieder gut aufgestellt, und das Geschäft zog erneut an.
Doch die Erholung währte nicht lange: In den 1970er-Jahren verdrängte die aufkommende Elektronik zunehmend die mechanische Wägetechnik – ein tiefgreifender technologischer Umbruch für KERN. Erneut folgte ein Neuanfang, der schließlich mithilfe der Globalisierung gelang.


Kalibrierservice, Wachstum und Umzug nach Balingen
Darüber hinaus kamen hochwertige messtechnische Prüfdienstleistungen wie die Kalibrierung von Waagen und Gewichten (DKD, Deutscher Kalibrierdienst) hinzu. KERN wuchs in dieser Phase stark, und Martin Sauter wurde im Vertrieb sowie im Finanz- und Rechnungswesen tatkräftig von seiner Ehefrau Dr. Marijke Sauter unterstützt.
Das vom Uroßvater und Großvater errichtete Werk mitten in der Ebinger Innenstadt wurde schließlich zu klein, sodass das Unternehmen im Jahr 2000 in einen Neubau nach Balingen umzog.




2003 - 2023
Digitalisierung & globale Präzision
2019: KERN im Jubiläumsjahr mit Gebäudeerweiterung

Auf zu neuen Ufern
Zu Beginn des neuen Jahrtausends trat Albert Sauter, der älteste Sohn von Martin Sauter, in das Unternehmen ein. In diesen Jahren wurde das klassische Sortiment an Präzisionswaagen deutlich um Industriewaagen erweitert.
Mit der Gründung der SAUTER GmbH im Jahr 2006 belebte Albert Sauter den traditionellen Familiennamen neu und bot unter dem Dach von KERN Messgeräte für Kraft, Härte und Schichtdickean.



Neue Geschäftsfelder und Ausbau in Balingen-Frommern
2008 setzte KERN die Diversifizierung fort und erweiterte sein Sortiment um ein umfangreiches Angebot an Medizinwaagen. Sechs Jahre später erschloss das Unternehmen mit Mikroskopen und Refraktometern ein weiteres Geschäftsfeld.
Mit dem wachsenden Produktsortiment wurde auch der Platz am Standort Balingen-Frommern erneut knapp. Deshalb wurde der Standort in den Jahren 2014–2015 deutlich erweitert: Ein neues Multifunktionsgebäude und ein Hochregallager mit 100.000 Lagerplätzen schufen zusätzliche Kapazitäten für das weitere Wachstum von KERN.

2024
Die Zukunft der Präzision gestalten
Vollautomatisches Hochregallager von KERN mit über 100.000 Lagerplätzen

Heute wird KERN & SOHN in der achten Generation geführt und agiert am Puls der Zeit: mit vernetzbaren Produkten, spezialisierten Softwarelösungen wie EasyTouch und BalanceConnection, kundenspezifischen Wägelösungen von CUSOS und einem vollautomatisierten Hochregallager. Kontinuierliche Innovation, konsequente Weiterentwicklung und nachhaltiges Wirtschaften bilden die Grundlage, um die über 180-jährige Erfolgsgeschichte des Familienunternehmens auch in Zukunft fortzuschreiben.



Markteinführung digitaler Produktgenerationen
Zu den neuesten Innovationen von KERN & SOHN gehören vernetzbare, IoT-fähige Waagen, fortschrittliche Softwarelösungen und intuitive Touch-Systeme. Diese Technologien ermöglichen eine nahtlose Integration, Echtzeit-Datenaustausch und eine benutzerfreundliche Bedienung. Gemeinsam bieten sie intelligente, vernetzte Wägelösungen für moderne Industriezweige – und steigern so die Effizienz, Rückverfolgbarkeit und digitale Transformation in Wäge- und Messprozessen.
Internationale Präsenz weiter stärken
2024 erhielt KERN & SOHN die SFDA-Zulassung für IoT-Medizinwaagen der KERN IoT-Line. Damit wurde eine wichtige Grundlage für den weiteren Ausbau der Präsenz in Saudi-Arabien und im Nahen Osten geschaffen. Zugleich stärkt KERN den internationalen Wissenstransfer mit regelmäßigen Schulungen und Seminaren für Fachhändler und Servicetechniker – sowohl vor Ort als auch online.
Heute ist KERN in über 90 Ländern vertreten und arbeitet mit einem internationalen Netzwerk aus Fachhändlern und Vertriebspartnern zusammen. Mehrsprachiger Service und digitale Angebote unterstützen die weitere Internationalisierung. Gleichzeitig bleibt das Familienunternehmen seinen Wurzeln treu: In der achten Generation verbindet KERN mehr als 180 Jahre Erfahrung mit den Werten, die das Unternehmen bis heute prägen: Qualität, Präzision und kontinuierliche Innovation.



















